Punk Statik Paranoia
01. Beautiful Disgrace
02. Vague
03. Ashamed
04. Make Up Your Mind
05. Leave Me Out
06. The Obvious
07. Inside My Head
08. Pure
09. Can’t Take This
Produziert von: Orgy
VÖ: 24. Februar 2004
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Die beste Rockmusik kombiniert immer rohe Kraft mit absolutem Elan. Sie sollte durch Sex und Pathos angetrieben werden, aber gleichzeitig noch immer Stil haben. Sie kann harte, geradezu paläolithische Riffs hervorbringen – aber gleichzeitig Intelligenz, Durchtriebenheit und pure Pop-Eingängigkeit behalten. Kurz gesagt: Die beste Rockmusik ist völlig primitiv, ungeniert stilvoll und komplett frei von Schuldgefühlen.
Alben dieser Art kommen jedoch nicht allzu häufig auf den Markt. Doch nun erscheint Punk Statik Paranoia, die neueste bacchanalische Musiksalve des Death Pop-Quintetts Orgy aus Los Angeles…
“Wir möchten die Leute von ihrer Routine abbringen”, erklärt Sänger Jay Gordon. “Auf den letzten beiden Alben haben wir vor allem musikalisch die Fühler ausgestreckt, aber dieses Mal konzentrieren wir uns auf das Songwriting. Wir wollten eine Verbindung zu unseren Fans herstellen. Die Leute sollen denken: ‘Das ist etwas wert!’ und natürlich wollen wir, dass alle Frauen sagen, dass sie mit jedem Mitglied dieser Band schlafen wollen!”
Das Hören von Punk Statik Paranoia sollte jeden Musikfan dazu veranlassen, seine Töchter, Schwestern und/oder Mütter einzusperren – so gut ist es. Die erste Single “The Obvious” gießt Schicht für Schicht süße Verzerrung über einem tiefen, drängenden Bass und druckvollen rhythmischen Grooves aus. All das ist durchdrungen von einer poppigen Hookline, die sich gleich einem schweren Kater in deinem Kopf festbeißt… und der Song ist zudem tanzbar!
Auf der gesamten Scheibe spinnen Orgy ein dekadentes Geflecht aus Liebe, Chemikalien und psychotischen Bekannten in süchtig machende Arrangements, die zwischen gemäßigten, elektronisch veredelten Sound-Landschaften und monströs metal-mäßigem Pop variieren. Dunkle Perlen wie “Leave Me Out”, “Inside My Head” und “Vague” gehören zu Orgys am auf den Punkt gebrachtesten und eingängigsten Arbeiten – und ironischerweise zu ihren lautesten.
“Ich schreie viel mehr auf diesem Album – aber irgendwie musste ich das”, lacht Gordon. “Es war von allen dreien Alben vom Songwriting her das schwierigste und hat definitiv die meiste Zeit gebraucht. Wenn wir einen Song fertigstellen und die Band zufrieden ist, bin ich immer derjenige, der sagt: ‘Hey, seid ihr sicher, dass da nicht noch mehr geht? Haben wir jeden Tipp, Trick und jede Regel, die wir kennen, ausgereizt, um das Stück zu verbessern?’ Ich bin ein total neurotischer Perfektionist!”
Neurotischer Perfektionismus hat Orgy schon weit gebracht. 1998 brachten sie ihr Debütalbum Candyass auf KoRns Label Elementree Records als Flaggschiff innerhalb eines Jahres nach ihrer Gründung heraus und stürmten auch gleich zweimal die Single-Charts: Mit einem Cover des 80er-Jahre-Hits “Blue Monday” von New Order und zudem mit dem dynamischen Nachfolger “Stitches”. Als das Album in unglaublicher Geschwindigkeit Platin-Status erreichte, versuchten Kritiker und Experten, den Sound der Band mit einer Fülle von Begriffen zu beschreiben (“Electro-Rock“, “Industrial-Synth“, “Sleaze-Rock“, “Techno-Goth“,…). Aber alle schienen sich einig zu sein, dass Orgys mutige Mischung aus schillernden Synthesizern, pulverisierenden Gitarren und New Romantic-Gesangsstil frisch und willkommen war. Sogar die Besucher von KoRns eher härter ausgerichteten Family Values Tour waren begeistert.
“Es war wirklich seltsam zu sehen, wie die Leute auf das reagiert haben, was wir auf dieser Tour gemacht haben”, sagt Jay. “Wir haben uns bei unserem Versuch, etwas ganz Neues unter die Leute zu bringen, so lächerlich wie es nur ging angestellt. Aber es hat geklappt! Welch verworrene Nachricht wir auch immer versucht haben, rüberzubringen – ich denke, sie ist angekommen!”
Verschiedene weitere Touren – besonders erwähnenswert sind die mit den Label-Kollegen Videodrone und Love And Rockets – halfen dabei, die Fanbase deutlich zu erweitern, und im Jahr 2000 präsentierten Orgy ihr Zweitwerk, das Sci-Fi-Konzeptalbum Vapor Transmission. Auf diesem Album war der Sound härter, das Songwriting komplexer und es bekam noch bessere Kritiken als Candyass. Als (erfolgreiche) Singles wurden “Fiction (Dreams In Digital)” und “Opticon” herausgebracht. Es folgten noch mehr erfolgreiche Tourneen mit Orgy als Headliner.
Alles gut und schön, aber Vergangenheit ist Vergangenheit. Und Orgy hatte schon immer kollektiv den Blick auf die Zukunft gerichtet.
“Vergiss sehnsuchtsvolle Blicke in die Vergangenheit”, betont der Sänger. “Wir laufen nicht mit unseren ersten beiden Alben herum oder sowas. Wir sind ganz sicher nicht im Was wurde aus…?-Nostalgieprogramm bei VH1! Auch wenn ich Angst hatte, dass sie anrufen würden, wenn wir dieses Album nicht bald herausbringen. Stattdessen hoffe ich jetzt, dass die neue Scheibe VH1 zu Dokus wie ‘Warum begeistern sie noch immer? Warum jagen sie noch immer alles hoch? Warum pulverisieren sie noch immer den Planeten?’ veranlasst.”
Während VH1 noch keine Pläne zu einer Sendung namens Warum pulverisieren sie noch immer den Planeten? verkündet hat, könnte Punk Statik Paranoia ein anderes Ziel von Jay Gordon erreichen: Die Leute, die noch immer Orgy als “die Typen, die diesen Cover-Song gemacht haben” betrachten, zu konvertieren. Und wenn nicht, ist das für ihn auch kein Untergang.
“Weißt du, Gott sei Dank mag nicht jeder nur das Althergebrachte. Darum haben wir überhaupt Fans”, sagt er. “Es gibt keinen vorgegebenen Weg, wie die Dinge sein müssen. Ich denke, dass unsere drei Alben das beweisen. Wir tun, was uns gefällt. Ich wollte schon immer in einer Band mit einer Bande von Bruce Lees sein, in der jeder einfach nur krank ist. Wir kommen der Sache näher – momentan haben wir vielleicht nur den weißen Gürtel, aber wir werden die ultimative Coolness, die wir so begehren, noch erreichen!”




