Vapor Transmission

Orgy - Vapor Transmission01. Vapor Transmission
02. Suckerface
03. The Odyssey
04. Opticon
05. Fiction (Dreams In Digital)
06. Eva
07. 107
08. Dramatica
09. Eyes-Radio-Lies
10. Saving Faces
11. Re-Creation
12. Chasing Sirens
13. Where’s Gerrold?

Produziert von: Josh Abraham, Orgy
VÖ: 10. Oktober 2000

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“Initializing vapor-transmission sequence. Engaging vapor… engaging vapor…. Three… two… one…. Welcome to the Odyssey.”

Auf deiner Uhr steht 1:07, morgens oder abends – wer weiß. Und du bist gerade mit einer geschlechter-wechselnden Dramatica durch ein schwarzes Loch ins Andrio-System geflüchtet. Du musstest den Jungs mit Pom-Poms und den Mädchen mit Tiefschutz irgendwie entkommen. Aber jetzt bist du paranoid und suchst in den Blitzlichtern nach dem unglückseligen Gerrold (du dachtest, er könnte den Weg nach Hause selbst finden) und der seligen Eva – eine Person, die dir zeigen kann, was richtig und was falsch ist. Alles, was du wolltest, ist ein wenig Klarheit und Mitgefühl in einer doppeldeutigen Welt, aber irgendein Arschloch versucht, dir Zeit und Energie zu entziehen, und dein früherer Liebhaber träumt im Digitalformat und findet es gut.

Was du brauchst ist eine Superpille, um dich besser zu fühlen. Ja, eine Superpille, um alles wieder ins Lot zu bringen. Aber lass das Radio nicht sehen, dass du sie schluckst. Denn dann wird das Opticon wissen, was du vorhast…

Oder so ähnlich. Für diejenigen von uns, die angesichts der Tatsache, dass die Welt zum neuen Jahrtausend doch nicht ins Chaos gestürzt ist, sondern so ziemlich “20. Jahrhundert” geblieben ist, einen perversen Anflug von Enttäuschung empfinden, veröffentlichen Orgy das erste Album im Jahr 2000, das tatsächlich klingt, als wäre es für eine neue Ära geschaffen worden. Das 30. Jahrhundert, wie es in den Lyrics zu “The Odyssey” von der neuen Platte Vapor Transmission heißt.

Vapor Transmission klingt nicht nur wie eine Synthese aus allen angesagten Musikbewegungen der letzten 30 Jahre – nein, die sehr kraftvollen Songs sind so reich an verschiedensten Bildern und Motiven, dass sie mit Leichtigkeit die Grundlage für ein Videospiel, einen Film oder ein Musical sein könnten. Wichtiger noch: Sie bilden eine Art Leinwand im Kopf des Hörers. Der- oder diejenige kann dann seine eigene Zukunftsvision darauf projizieren.

Sänger Jay Gordon hat Ahnung, wenn es darum geht, Parallelwelten für seine Hörer zu kreieren. Das Platin-gekrönte Debüt Candyass aus dem Jahr 1998 bestand nach Aussagen von ihm und seinen Bandkollegen Amir Derakh, Ryan Shuck, Paige Haley und Bobby Hewitt aus “einem Haufen Lügen und Märchen”.

Das legt nahe, dass auf Vapor Transmission eine neue Ladung dieser Fantasiegebilde zu finden sein wird, richtig? … völlig falsch. Genauso wie die Welt, von der die Band auf dem neuen Album erzählt, ist alles, was man glaubt, über die Band zu wissen, ein Irrtum.

“Dieses Mal beruhen die Songs viel mehr auf dem wahren Leben, gibt Gordon zu. “Es geht um Ausschnitte aus meinem Leben oder dem Leben anderer Leute, die ich erlebt oder von denen ich gehört habe. Viel mehr Wahrheit steckt dahinter.” Aber er hat doch dann wohl wenigstens die Namen geändert, um die nicht ganz Unschuldigen zu schützen? … wieder falsch. “Gerrold gibt es wirklich. Er ist ein Freund von uns aus New Orleans”, erzählt Gordon. “Where’s Gerrold” ist der Track, der das Album mit diesem Ausschnitt aus einem verwirrten Bewusstsein schließt: Bright lights flashing. Cover my eyes. I’m feeling sick. I’m feeling paranoid. So hatte auch “Eva” ihren Ursprung in der Realität: “Eva ist die verstorbene Mutter unseres Produzenten Josh Abraham”, enthüllt Jay.

Wird sich auch jemand in dem wenig schmeichelhaften Porträt wiederfinden, das Jay Gordon auf “Suckerface” besingt? Raised by the queens, your mother paid. How does that make you a human God? singt er, während Haleys Bass scheinbar zustimmend ein gigantisches Riff geradezu herauspeitscht. “‘Suckerface’ kann man auf viele Leute beziehen”, gibt Gordon zu. “Bei bestimmten Textstellen werden manche denken: ‘Oh, das muss er über genau meine Situation geschrieben haben’, aber ich bin mir sicher, dass sich viele Menschen von den Dingen, die ich in diesem Song besinge, angesprochen fühlen.”

Mit der Anzahl an Charakteren, die den Songs innewohnen, klingt die neue Scheibe fast wie eine Reportage, in der Jay während einer Party verschiedene Räume durchquert und die Geschehnisse kommentiert.

“Genau so ist es”, stimmt er zu. “Ich wende nur die künstlerische Freiheit auf das an, was ich gesehen habe. Ich wollte den Menschen klarmachen, dass auf diesem Album nicht nur die Musik eine Rolle spielt.” Der Vergleich mit einer Party ist laut Ryan Shuck, der ebenfalls Texte beisteuerte, wörtlicher zu nehmen als man erwarten könnte.

“Man hört uns praktisch beim Chillen zu und erfährt von Episoden aus dem letzten Jahr. Die Lyrics sind aus dem wahren Leben aufgegriffen, auch wenn sie sich in einem Science-Fiction-Szenario abspielen. Orgy leben in einer Science-Fiction-Fantasiewelt, das muss ich zugeben. Ich hoffe, die Leute können ein wenig in diese Welt eintauchen, wenn sie das Album hören.”

“Der größte Teil des Albums ist in dem sogenannten Clarinda House entstanden – diese große Villa in Tarzana, in der wir alle für drei Monate gelebt haben”, erklärt Amir Derakh. “Es gab ein vom Haus getrenntes Fitnessstudio, das wir zu einem Studio umfunktioniert haben. So konnte man rund um die Uhr im Einsatz sein und die Leute im Haus waren trotzdem ungestört.”

“Und es gab noch diejenigen, die wir ‘die Herumlungernden’ nannten”, fährt er fort. “Das waren Freunde und Verwandte, die bei uns herumhingen und zur Inspiration für so manche Dinge wurden.” Dem stimmt Drummer Bobby Hewitt zu: “Jay kennt eine Menge schräger Vögel, die um vier Uhr morgens völlig übergeschnappt vor der Tür standen und dann so ihre Ideen hatten. Und auf einmal ist halt ein Song über einen von ihnen geschrieben worden.”

In diesem “Chillout-Kontinuum” fanden Orgy irgendwie die Zeit, um ihre Cyber-Rock-Experimente weiterzuentwickeln, die sie mit Candyass gestartet und durch Trial-and-Error-Verfahren auf Tour, sei es bei der Family Values Tour oder bei Headliner-Shows, verfeinert haben. “Live-Konzerte haben quasi zementiert, was wir sind”, sagt Haley. “Es hat uns geholfen, uns selbst und unseren Sound zu finden. Und wir haben herausgefunden, dass wir  – egal was wir tun – live eine harte Band sind.”

“Mittlerweile sind wir viel sicherer, was wir erreichen wollen, wie unsere Musik aussehen soll und wie wir uns stylen”, erklärt Bobby. Candyass wirkte wie ein Experiment dagegen.”

“Wir wollten uns nicht ganz von dem abwenden, womit wir angefangen haben”, ergänzt Amir. “Aber wir wollten mit diesem Album den nächsten Schritt nach vorn machen. Wir hatten die Absicht, alles ein Stück härter zu gestalten, aber dennoch nicht unseren Sound zu verlieren.” Dem stimmt Gordon zu und nimmt “Fiction (Dreams In Digital)” als Beispiel dafür, wie es Orgy gelingt, nahtlos Stile zusammenzuführen, die eigentlich in Kontrast zueinander stehen: “Bei Orgy bekommt man zum einem die nötige Härte, aber auch Ohrwurm-Tauglichkeit geliefert. Wir waren alle mal in wirklich harten Bands – die Vorgabe bei Orgy war jedoch, alles völlig anders zu machen. Ich denke, dass jede Band mit diesem Gedanken startet und ihre Nische findet. Und ich glaube, dass unsere auch den Gedanken beinhaltet, die Sicht der Pop-Welt zu verändern. Nur, weil etwas im Radio gespielt wird, ist es nicht schlecht.”

In einer Strophe von “Opticon” nimmt Jay Gordon den ersten Schritt seiner Pop-Revolution und zieht eine Grenze zwischen der alten und der neuen Garde: Those neon eyes make mom and dad think that we’ve lost our minds. They’re just terrified of all new things. (“Diese Neon-Augen werden Mama und Papa denken lassen, wir hätten den Verstand verloren.”) Vapor Transmission ist voll von Visionen einer Zukunft, in der sich die Kommunikationstechnologie gegen die Menschheit gewandt hat und ein Überwachungs-instrument der Regierung geworden ist statt unserem Komfort zu dienen. Der Sänger glaubt nicht, dass diese Vision weit von der Realität entfernt ist.

“Ich bin ein Technologie-Fan, aber sie kann auch dem falschen Zweck dienen. Es ist verrückt. In kürzester Zeit werden neue Wege erfunden, um Dinge zu erledigen. Bald wird man mit jemandem telefonieren können, während man Auto fährt, und kann gleichzeitig denjenigen sehen, mit dem man spricht. Ich bin mir sicher, dass die Regierung da gerne ihre Nase reinstecken würde. Und Opticon ist das Auge, das alles sieht – diese paranoide Big Brother-Sache. Wie ein Satellit zum Beispiel einen Ball auf einem Fußballfeld genau finden kann. Es [Opticon] sieht, was du trägst. Das ist meine Version von den Dingen.“

In “Eyes-Radio-Lies” singt Gordon: Radio waves, hitting the brains on the phone. I can see what’s on your mind, because you’re never alone. I’m the eyes in your radio. (“Radiowellen, die das Gehirn am Telefon anzapfen. Ich kann sehen, was du denkst, weil du nie allein bist. Ich bin die Augen in deinem Radio.”) Der Song ist nicht rein paranoid gemeint, sondern auch eine Kindheitserinnerung.

“In ‘Eyes-Radio-Lies’ werden die Übertragungswellen vom Radio an das Opticon gesendet. Die Augen in deinem Radio sehen dich die ganze Zeit an, während du in deinem Auto sitzt. Wie zum Beispiel in folgender Textzeile: Painted in chrome Max Factor (“Angemalt mit chromefarbenem Max Factor”) – es kann das alles sehen. Als Kind dachte ich, das Radio würde mit mir sprechen”, lacht Jay angesichts der unschuldigen Inspirationsquelle des Songs. Und damit man nicht denkt, dass Vapor Transmission nur aus Paranoia, persönlichen Problemen und Zukunftsängsten besteht, sollte man “Eva” genauer betrachten. Der Song bildet nicht nur das Herz der Platte, sondern ist wohl auch Orgys melancholischster Song. I’m not as fearless as you (“Ich bin nicht so mutig wie du”) singt Jay über die verstorbene Mutter ihres Produzenten Josh Abraham. Still I pretend that you’re still standing by to show me wrong from right. Never got a chance to say goodbye. (“Immer noch stelle ich mir vor, dass du noch bei mir bist, um mir Richtig und Falsch zu zeigen. Ich hatte nie die Chance, um mich von dir zu verabschieden.”) Die Sehnsucht ist offensichtlich.

“Sie starb, ohne dass Josh noch einmal mit ihr sprechen konnte”, sagt Jay. “Es war sehr schwer für mich. Unsere Band ist in Evas Garage entstanden. Sie war eine großartige Frau und ich habe den Song aus Joshs Sicht geschrieben.” Trotzdem ist Eva die Ausnahme auf Vapor Transmission. Die anderen Bewohner der CD erhalten keine so freundliche Behandlung. Es scheint fast so, als würde Gordon sie den anderen als Ideal vorhalten.

“Verschiedene Gruppen von Menschen können zusammenkommen und ziemlich bösartig sein; das ist nicht cool”, sagt Gordon. “Daher gibt es viele Hinweise darauf, wie ich darüber denke. Trotzdem bin ich nicht verbittert. Mit Aktionen einiger Leute bin ich vielleicht nicht glücklich, aber es wäre genauso ignorant, ihnen gegenüber feindselig zu sein.” Amir Derakh hat eine lakonische Theorie, was Jays beißende Lyrics angeht: “Ich glaube, das kommt davon, wenn man aus L.A. stammt. Es gibt hier echt eine Menge Idioten”, sagt er lachend. “Wir müssen uns mit so viel Mist herumschlagen, seien es Frauen oder… ach, es gibt immer irgendein Drama. Und ich denke, vieles kommt daher. Ich finde es cool, denn obwohl es eher allgemein ist, ist das unsere Art der Rache.”

Ryan Shuck teilt eine ähnliche Ansicht zu Vapor Transmission, aber mehr aus dem Bauch heraus: “Das Album haut dir eins rein, aber so auf die Tour: ‘Ich schlag dich k.o. und klau den Lippenstift deiner Freundin!'”

Welcome to the Odyssey, Suckerface!

Orgy - Vapor Transmission (Promo Pic)